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Ein Fehler heilt den nächsten nicht

Was 16 Jahre an der Pfeife mich über Führung gelehrt haben

Schiedsrichterpfeife auf der weißen Linie eines Mittelkreises, im Hintergrund leere Tribüne einer Bezirkssportanlage, regennasser Rasen
Wo Führung sich entscheidet - nicht im Stadion der Welt, sondern auf der Bezirkssportanlage am Sonntagnachmittag.

Übermorgen rollt der Ball. WM 2026 in Mexiko, USA, Kanada. Wenn am Samstag in Mexiko das Spiel zwischen dem Gastgeber und Südafrika angepfiffen wird, schaue ich nicht zuerst auf die Spieler. Ich schaue auf die Männer in Schwarz - und im Lauf des Turniers besonders auf einen: Szymon Marciniak.

Pole, Jahrgang 1981, in Płock in der mittelpolnischen Provinz auf einem Bezirksplatz angefangen. Heute zweifacher Weltschiedsrichter des Jahres, Finalpfeifer von Katar 2022 und Istanbul 2023, sehr wahrscheinlich auch der Mann, der im Juli das Endspiel leitet.

Ich schaue auf Marciniak, weil ich im Alter von vierzehn bis dreißig selbst die Pfeife in der Hand gehabt habe. Höchste Hamburger Klasse, Sonntag für Sonntag. Marciniak hat mir nichts beigebracht, was ich nicht selbst auf Hamburger Plätzen gelernt hätte. Aber wenn ich ihn sehe, erkenne ich sofort eine Handschrift, die ich kenne - und die nichts mit Pokalen zu tun hat. Es ist eine Handschrift, die ich später als Werkleiter in Shenzhen, als VP Operations in Beijing und heute als Berater in jedes Mandat mitnehme.

Menschen aller Schichten, ein Spiel

Auf den Hamburger Plätzen stand ich vor Anwälten und Hafenarbeitern, Studenten und Schichtarbeitern, Jugendlichen aus St. Pauli und Geschäftsleuten aus Blankenese. Auf dem Platz waren wir zweiundzwanzig Spieler und ein Schiedsrichter, alle wollten dasselbe: ein Spiel, das funktioniert.

Das verbindet. Nicht weil man auf einmal ähnlich denkt - sondern weil man neunzig Minuten lang ein gemeinsames Ziel hat. Ich habe gelernt, jeden ernst zu nehmen, unabhängig davon, was er außerhalb des Platzes tut. Diese Haltung trage ich heute in jede Halle, in jedes Mandat.

Leiten, ohne im Mittelpunkt zu stehen

Ein gutes Spiel erkennt man am Ende daran, dass niemand über den Schiedsrichter spricht. Wenn der Schiri unsichtbar bleibt, hat er seinen Job gemacht.

Das ist Führung in ihrer ehrlichsten Form: leiten, ohne im Vordergrund zu stehen. Die Bühne gehört denen, die spielen. Wer als Führungskraft permanent gesehen werden muss, hat seine Aufgabe noch nicht verstanden. Demut ist hier kein Bescheidenheitsritual, sondern ein Arbeitsprinzip. Sie hält den Raum frei für die Leistung der anderen.

Ein Fehler heilt den nächsten nicht

Die schwerste Lektion stand früh. Ein junger Schiri, ich war vielleicht sechzehn, pfeift in der ersten Halbzeit ein Foul, das keines war. Der gefoulte Spieler reklamiert, die Bank reklamiert, die Tribüne reklamiert. In der zweiten Halbzeit kommt eine Szene in die Nähe der Strafraumgrenze - und der innere Impuls sagt: Jetzt lass ihn laufen. Jetzt gleichst du das aus.

Genau hier liegt die Falle. Zwei Fehler heben sich nicht auf. Sie addieren sich. Und das Spiel weiß es - die Spieler sowieso, die Bänke noch schneller.

Ein Fehler ist ein Fehler. Der nächste Pfiff ist der nächste Pfiff. Beides muss man trennen können.

Im Mandat ist es nicht anders. Wer eine Fehlentscheidung getroffen hat - im Layout, im Lieferantenwechsel, in der Personalfrage - und sie mit der nächsten Entscheidung kompensieren will, schafft selten Heilung. Meistens schafft er einen zweiten Schaden. Reife heißt, einen Fehler als Fehler stehen zu lassen, ihn zu benennen, und dann die nächste Entscheidung sauber auf ihren eigenen Füßen treffen zu lassen.

Konsequenz ist nicht Härte. Empathie ist nicht Nachsicht.

Es gibt einen weit verbreiteten Irrtum, der lautet: ein guter Schiri, eine gute Führungskraft, muss empathisch sein - und Empathie heißt, milde zu sein. Beide Hälften dieses Satzes sind falsch.

Konsequenz heißt nicht, hart zu sein. Sie heißt, dass die Regel auch dann gilt, wenn es unbequem ist. Empathie heißt nicht, durchgehen zu lassen. Sie heißt, zu verstehen, warum jemand grätscht, schreit, reklamiert - und trotzdem zu pfeifen.

Das ist die Kunst: die Regel mit Bedacht durchsetzen, ohne den Menschen klein zu machen. Die gelbe Karte mit einer Geste, die sagt "Das wars - aber wir kriegen das jetzt vernünftig hin." Das kurze Wort am Spielerohr, das nicht straft, sondern korrigiert. Wer das beherrscht, bekommt etwas, das man nicht erzwingen kann: Autorität ohne Lautstärke.

Respekt kennt keine Hierarchie

Auf dem Platz standen vor mir Anwälte und Hafenarbeiter, Studenten und Schichtarbeiter, Vereinsfunktionäre und Reservespieler, die seit Jahren auf ihren ersten Einsatz warteten. In der Halle stehen heute der Werkleiter und der Maschinenführer, die Qualitätsbeauftragte und der Lagerist. Vor mir steht ein Spektrum, das sich kein Lehrgang ausgedacht hätte.

Was ich auf den Hamburger Plätzen gelernt habe: jeder leistet etwas, was ich nicht leisten kann. Der Maschinenführer kennt seine Linie besser als ich, der Werkleiter kennt seinen Betrieb besser als ich, der Lagerist weiß, welcher Karton ohne Etikett wohin gehört. Das ist kein Bonmot - das ist Operations-Realität.

Jede Leistung zählt. Jeder Mensch dahinter zählt.

Der Respekt vor jeder dieser Leistungen ist derselbe - er muss derselbe sein. Wer den Maschinenführer ernst nimmt, wenn der Vorstand zuhört, und ihn anders behandelt, wenn niemand zuhört, hat das Vertrauen schon verspielt, bevor er anfängt. Auf dem Platz war das eine Frage von Sekunden - im Werk ist es eine Frage von Wochen, bis es bemerkt wird. Bemerkt wird es immer.

Was bleibt

Vier Dinge habe ich auf den Hamburger Plätzen gelernt, die mich seitdem in jedem Werk, in jedem Krisenmandat begleitet haben.

Die Bühne gehört den anderen. Wer führt, hält sie frei. Demut ist Arbeitsprinzip, nicht Pose.

Fehler sind Einzelereignisse. Sie lassen sich nicht aufrechnen, nicht ausgleichen, nicht wegpfeifen. Sie lassen sich nur benennen - und dann muss die nächste Entscheidung wieder allein für sich gerade stehen.

Klarheit ist freundlich. Wer Regeln einfordert und sie mit Bedacht umsetzt, schützt das Spiel und alle, die darin stehen. Das fühlt sich für die Beteiligten nicht hart an. Es fühlt sich verlässlich an. Und Verlässlichkeit ist die Grundwährung jeder Führung.

Respekt kennt keine Hierarchie. Jede Leistung zählt, jeder Mensch dahinter zählt. Wer den Maschinenführer anders behandelt als den Vorstand, hat verloren - meistens, ohne es zu merken.

Wenn am Samstag der Ball rollt, schaue ich auf die Männer in Schwarz. Und wenn Marciniak in den kommenden Wochen ein Spiel leitet, schaue ich nicht auf die Karten, die er zieht. Sondern auf die Sekunde davor - die Geste, das halbe Wort, das ruhige Kopfschütteln. Dort steht alles. Auf der Bühne der Welt nichts anderes als auf einem regennassen Platz in Hamburg-Lurup. Pfeife in der Hand, Hände meistens hinter dem Rücken.

Wer das beherrscht, führt. Ein Fußballspiel oder ein Werk - der Unterschied ist kleiner, als man denkt.

Stefan Sack hat von seinem vierzehnten bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr im Hamburger Fußball-Verband bis zur höchsten Hamburger Klasse gepfiffen. Heute ist er Interim Manager und berät deutsche und chinesische Unternehmen in Operations, Turnaround und China-Strategie.

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